
22 Juni Weinbau und Natur in der Steillage sichern
Was kommt, wenn der Steillagenweinbau verschwindet?
Zum Auftakt der Woche der Artenvielfalt im Weinanbaugebiet Mosel veranstaltete das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Mosel traditionell ein Symposium zur Biodiversität im Steillagenweinbau. Am 21. Mai 2026 referierten im Bürgerhaus in Kanzem Fachleute vor rund 85 Interessierten zum Thema „Die Zukunft wächst am Hang – Weinbau, Wandel, Biodiversität“. Die abschließende Exkursion führte zu exemplarischen Hotspots des Steillagenweinbaus an der Saar.
In seiner Begrüßung hob Torben Alles, Leiter der Abteilung Landentwicklung im DLR Mosel, hervor, dass der Tagungsort nicht zufällig in Kanzem gewählt wurde. Hier lasse sich exemplarisch die enge Verbindung von biologischer Vielfalt und weinbaulicher Nutzung besonders anschaulich verdeutlichen. Er erinnerte daran, dass bei der Auszeichnung des unweit entfernten Leuchtpunkts der Artenvielfalt am Wawerner Jesuitenberg das Vorkommen der Gottesanbeterin noch als Besonderheit gefeiert wurde. Heute sei die Art im gesamten Moselgebiet anzutreffen. Ursache dafür sei auch der Klimawandel – und dieser verändere zunehmend den Weinbau. Der nächste Strukturwandel zeichne sich bereits ab.
Ihre enge Verbundenheit mit der Weinkulturlandschaft unterstrich auch Bürgermeisterin Katherina Frey-Treseler. Als Mutter, Naturerlebnisbegleiterin und Winzerin im Jesuitenberg sei es ihr ein besonderes Anliegen, die natürlichen Ressourcen der Region nachhaltig zu schützen.
Doch die historisch gewachsenen Steillagen im Moselgebiet sind zunehmend durch die Aufgabe von Rebflächen bedroht. Während des Strukturwandels um die Jahrtausendwende fielen rund 3.500 Hektar der ehemals etwa 12.500 Hektar großen Rebfläche aus der Nutzung – und das innerhalb von nur gut zehn Jahren. Dr. Matthias Porten, Abteilungsleiter Weinbau im DLR Mosel, machte in seinem Vortrag deutlich, dass die Gefahr groß sei, dass sich dieses Szenario erneut wiederholen könnte. Noch deutlicher werde die Entwicklung beim Blick auf die Zahl der Betriebe. So sei zu erwarten, dass im Jahr 2035 nur noch rund zehn Prozent der Weinbaubetriebe bestehen werden, verglichen mit dem Jahr 1980.
„Die Zukunft des Steillagenweinbaus steht auf dem Spiel“, warnte Porten. Dem ersten Strukturwandel habe man noch mit der Einführung von Raupen-Mechanisierungssystemen entgegenwirken können. Heute setzt die Branche zunehmend auf technische Innovationen wie KI-gestützten Rebschnitt, Spritzdrohnen oder autonom arbeitende Roboterfahrzeuge im Weinberg. Einen besonders zukunftsfähigen Lösungsansatz sieht Porten jedoch in der Umwandlung von Falllinienbewirtschaftung in Querterrassen. Diese könnten Ökonomie, Ökologie und die Gesundheit der Bewirtschafter in besonderer Weise miteinander verbinden.
Die Bedeutung der Steillagenweinbauflächen für die Biodiversität beleuchtete Dr. Christoph Hoffmann vom Julius Kühn-Institut in Siebeldingen. „Weinberg ist nicht gleich Weinberg“, stellte er fest. Die biologische Vielfalt unterscheide sich deutlich zwischen Flachlagen, Steillagen und Steilstlagen. Entscheidend seien vor allem Strukturvielfalt und Bewirtschaftungsweise. Durch die inzwischen auch in Steillagen etablierte Rebzeilenbegrünung habe die Artenvielfalt deutlich gewonnen.
Weniger problematisch sei hingegen die im Weinbau notwendige Ausbringung von Fungiziden gegen Pilzkrankheiten. Diese habe nachweislich kaum Auswirkungen auf die Anzahl der Insektenarten oder deren Biomasse. Der Einsatz von Insektiziden hingegen könne drastische Folgen haben. Deshalb müssten eingewanderte Schädlinge wie die Amerikanische Rebzikade oder der Japankäfer frühzeitig und konsequent bekämpft werden.
Dr. Katja Seis vom DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück hob ebenfalls die Bedeutung von Sonderstrukturen wie Trockenmauern für die biologische Vielfalt hervor. Sie skizzierte die Entwicklungsstadien der Vegetation nach Aufgabe der weinbaulichen Nutzung: Nach einer kurzen Phase von Vergrasung und Verkrautung dominierten zunächst Brombeeren und Wildrosen. Langfristig entwickelten sich daraus Strauchgesellschaften, Vorwald- und schließlich Waldstrukturen.
Die größte biologische Vielfalt entstehe in einer mosaikartigen Verzahnung von Rebflächen, Offenland und Gehölzstrukturen. Vor diesem Hintergrund könnten auch zukünftige Nutzungskonzepte zur Förderung der biologischen Vielfalt neu gedacht werden.
In mehreren Kurzvorträgen wurden die Auswirkungen der Sukzession nach Aufgabe der weinbaulichen Nutzung auf verschiedene Tiergruppen beleuchtet. Niklas Böhm von der FÖA Landschaftsplanung GmbH in Trier gab einen Überblick über die Gefährdungssituation der Vögel. Nach der neuen Roten Liste sei nur noch etwa ein Drittel der Vogelarten in Rheinland-Pfalz ungefährdet. Für die Weinberge müssten insbesondere die charakteristischen Vogelarten in den Fokus rücken. Diese benötigten keine verbuschten Flächen, sondern offene, strukturreiche Lebensräume. Deutlich werde dies am Beispiel der Zippammer. Rund 80 Prozent des deutschen Bestands dieser stark gefährdeten Art leben in Rheinland-Pfalz – vor allem im Moselgebiet.
Für die Heuschrecken, insbesondere wärmeliebende Arten, falle die Bilanz hingegen vergleichsweise positiv aus, erklärte Dr. Carsten Renker vom Naturhistorischen Museum Mainz. Der Klimawandel führe hier teilweise zu deutlichen Bestandszunahmen und einer weiteren Ausbreitung von Arten wie der Gemeinen Sichelschrecke, dem Weinhähnchen oder der Steppen-Sattelschrecke, die als „Ikone“ dieser Tiergruppe in Rheinland-Pfalz gelte. Gleichzeitig gebe es jedoch auch Verlierer des Klimawandels – insbesondere Arten nährstoffarmer Offenlandstandorte.
Lea Böhm, Landespflegerin im DLR Mosel, verdeutlichte die hohe Bedeutung der Steillagenweinberge für Schmetterlinge. Im Moseltal seien 60 Arten von Tagfaltern nachgewiesen – rund ein Drittel aller bundesweit vorkommenden Arten. Die komplexen Entwicklungszyklen der Schmetterlinge erforderten vielfältige Landschaftsstrukturen und ein ausreichendes Angebot blütenreicher Vegetation.
Ein großes Problem sei die zunehmende Verbuschung von Weinbergsbrachen. Umso wichtiger sei der Erhalt des Steillagenweinbaus. In einem langjährigen Forschungsprojekt habe sich gezeigt, dass insbesondere Weinbergsquerterrassen mit ihren dauerhaft begrünten Böschungen besonders wertvolle Lebensräume für Schmetterlinge darstellen. Hier entstehe ein Gewinn für Weinbau und Artenvielfalt.
Sascha Schleich vom Büro für Freilanderfassung und Artenschutz in Waldböckelheim stellte die für Weinberge besonders charakteristische Tiergruppe der Reptilien vor. Am Beispiel der in der Moselregion noch häufig vorkommenden Mauereidechse verdeutlichte er die Bedeutung konsequenter Schutzmaßnahmen. Ohne ausreichende Vernetzung könnten Populationen isoliert werden und langfristig gefährdet sein.
Trockenmauern seien dabei weit mehr als nur Lebensraum für Eidechsen. Sie dienten zahlreichen Tiergruppen als geschützte und frostfreie Überwinterungsräume und unterstrichen damit den herausragenden ökologischen Wert dieser Strukturen im Weinberg.
Die abschließende Exkursion wurde von Dr. Cord-Henrich Treseler vom Weingut Dr. Frey begleitet und bot den Teilnehmenden praktische Einblicke in die Herausforderungen und Chancen des Steillagenweinbaus an der Saar.
Eine zentrale Station der Exkursion war der Wawerner Jesuitenberg, der bereits 2017 als „Leuchtpunkt der Artenvielfalt“ ausgezeichnet wurde. Dort thematisierten die Fachleute die Entwicklung der biologischen Vielfalt. Besonders im Fokus standen Veränderungen wärmeliebender Insektenarten sowie die hohe Bedeutung kleinteiliger Steillagenstrukturen für den Erhalt der Biodiversität.
Anhand konkreter Beispiele wurde deutlich, wie sich Nutzungsaufgabe, Verbuschung und natürliche Sukzession unmittelbar auf die Lebensräume typischer Tier- und Pflanzenarten auswirken. Gleichzeitig wurde aufgezeigt, welche Maßnahmen das Weingut Dr. Frey bereits seit vielen Jahren zur Förderung der Biodiversität umsetzt. Dazu zählen unter anderem der Erhalt von Trockenmauern und strukturreichen Bereichen, gezielte Begrünungskonzepte, die Einbindung von Rand- und Saumbiotopen sowie Kooperationen im Rahmen von Naturschutzprojekten.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie extensive Beweidung mit Schafen und Ziegen zur Offenhaltung von Steillagen beitragen kann. Dabei wurden sowohl ökologische Effekte als auch praktische Herausforderungen der Umsetzung diskutiert.
Die Exkursion verdeutlichte eindrucksvoll, dass sich Biodiversität, Nutzung und wirtschaftliche Tragfähigkeit im Steillagenweinbau nur gemeinsam denken lassen. Wissenschaftliche Erkenntnisse wurden dadurch unmittelbar im Landschaftsraum erlebbar gemacht.
Zum Abschluss des Symposiums fasste Torben Alles vom DLR Mosel die große Bedeutung der Offenhaltung der Weinkulturlandschaft für wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten zusammen – insbesondere vor dem Hintergrund des aktuellen Strukturwandels. Der Erhalt eines zukunftsfähigen Steillagenweinbaus sei eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Dort, wo eine weinbauliche Nutzung dauerhaft nicht mehr möglich sei, müsse zumindest die Offenhaltung der Flächen gesichert werden. Weitere großflächige Verbuschungen würden das charakteristische Landschaftsbild der Moselregion und ihre biologische Vielfalt nachhaltig verändern.