
07 Okt. Offene Türen, lebendige Orte: Baukultur schafft Raum für Gemeinschaft
Rund 50 Gäste diskutieren beim „Zentrum Baukultur vor Ort“ in Wittlich über Begegnungsorte, lebendige Ortskerne und die Bedeutung guter Architektur
Was braucht ein Ort, damit Menschen gerne zusammenkommen? Reichen vier Wände und ein Schlüssel – oder braucht es weit mehr, damit aus einem Gebäude tatsächlich ein lebendiger Treffpunkt wird? Rund 50 Gäste gingen diesen Fragen am 1. Oktober 2026 beim Vortragsabend „Offene Türen – Zentrale Orte für Zusammenhalt und Zivilgesellschaft“ in der Kultur- und Tagungsstätte Synagoge in Wittlich nach. Das Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz war bereits zum dritten Mal gemeinsam mit der Regionalinitiative „Faszination Mosel“ in der Moselregion zu Gast. Im Mittelpunkt stand diesmal die Frage, welche Rolle Gebäude, öffentliche Räume und sogenannte „Dritte Orte“ für das gesellschaftliche Miteinander spielen.
Schon der Veranstaltungsort bot dafür einen besonderen Rahmen: Die ehemalige Synagoge in Wittlich ist selbst ein Beispiel dafür, wie ein Gebäude im Laufe seiner Geschichte eine neue Funktion erhalten kann und heute als Kultur- und Tagungsstätte Menschen zusammenbringt. Denn Begegnungsorte sind mehr als reine Gebäude. Sie sind Orte, an denen Vereine aktiv sind, Kultur stattfindet, gemeinsam organisiert, gefeiert und diskutiert wird – und damit Orte, an denen gesellschaftliches Miteinander und Demokratie im Alltag gelebt werden. Zum Auftakt beleuchteten Bianca Klein, Leiterin der Geschäftsstelle Baukultur Rheinland-Pfalz im Ministerium für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur Rheinland-Pfalz, Joachim Becker, Vizepräsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, und Stefanie Kohl-Molitor, Kreisbeigeordnete des Landkreises Bernkastel-Wittlich und Ortsbürgermeisterin der Gemeinde Bruch, das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. In der Gesprächsrunde ging es unter anderem darum, was einen guten Ort für Zivilgesellschaft ausmacht, wie aus einem öffentlichen Gebäude tatsächlich ein funktionierender Treffpunkt werden kann und welchen Beitrag Architektur und Förderpolitik dazu leisten können. Auch die Frage, welche Chancen gerade in leerstehenden Schulen, ehemaligen Gaststätten oder anderen Bestandsgebäuden in den Ortskernen liegen, spielte eine wichtige Rolle. Dabei wurde deutlich: Entscheidend ist nicht allein, einen Raum zur Verfügung zu stellen. Ein Ort muss angenommen, genutzt und mit Leben gefüllt werden – und er muss sich baulich wie funktional an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.
Wie unterschiedlich solche Orte entstehen können, zeigten anschließend drei Beispiele aus der Moselregion.
In Bruch wurde die ehemalige Schule aus den 1950er-Jahren zum Bürgerhaus „Alte Schule“ weiterentwickelt. Stefanie Kohl-Molitor und Architekt Michael Stoffel stellten vor, wie ein Gebäude, das bereits seit Jahrzehnten Teil der Dorfgeschichte ist, energetisch weiterentwickelt, barrierefrei gestaltet und an heutige Anforderungen angepasst werden konnte. Das Beispiel zeigt: Baukultur im Dorf bedeutet nicht zwangsläufig, etwas Neues zu errichten. Eine besondere Qualität kann gerade darin liegen, Vorhandenes zu erkennen, behutsam weiterzuentwickeln und für neue Bedürfnisse nutzbar zu machen.
Einen ganz anderen Weg zeigt das „Blaue Haus“ in Traben-Trarbach. Kat Weiß hat in einem ehemaligen Ladenlokal einen offenen Treffpunkt für Begegnung, Kreativität und gemeinschaftliche Aktivitäten geschaffen. Das Beispiel macht deutlich, dass ein Ort für Gemeinschaft nicht immer mit einem großen Bauvorhaben oder Förderantrag beginnen muss. Manchmal steht am Anfang zunächst eine offene Tür und die Einladung, einen vorhandenen Raum gemeinsam zu nutzen und auszuprobieren, was die Menschen vor Ort tatsächlich brauchen.
Das Dorf- und Kulturzentrum in Riol wiederum verbindet Bestand und neue Nutzungen in größerem Maßstab. Teile einer früheren Schule wurden erhalten und mit neuen Räumen und Funktionen ergänzt. Ortsbürgermeisterin Dr. Christel Egner-Duppich und Architekt Stefan Mohnen von PUR+ ARCHITEKTEN zeigten, wie an einem zentralen Standort unterschiedliche Funktionen des Dorflebens zusammengeführt werden können.
Drei Projekte – und drei sehr unterschiedliche Wege: einen vorhandenen Ort weiterbauen, einen vorhandenen Raum aktivieren oder verschiedene Funktionen an einem zentralen Ort bündeln. Gerade diese Vielfalt machte deutlich, dass es für lebendige Ortsmitten keine Standardlösung gibt. Jede Gemeinde, jedes Gebäude und jede Dorfgemeinschaft bringt andere Voraussetzungen mit. Für die Regionalentwicklung knüpft diese Frage unmittelbar an die Arbeit der Regionalinitiative „Faszination Mosel“ und des Landkreises Bernkastel-Wittlich an. Gebäude, Straßen, Plätze und Ortsbilder prägen nicht nur das Erscheinungsbild einer Region. Sie beeinflussen auch, wie Menschen ihre Orte nutzen und wie stark sie sich mit ihnen identifizieren. Mit dem RegioStrat-Projekt „Starke Kerne – Starke Region“ beschäftigt sich Jennifer Heimann derzeit intensiv mit Innenentwicklung, Leerständen, Wohnen und neuen Nutzungen in den Ortskernen. Dazu gehört auch die Frage, welche Funktionen eine Ortsmitte braucht, damit Menschen dort gerne leben, sich treffen und engagieren. Ein vitaler Ortskern besteht schließlich nicht allein aus sanierten Häusern. Er braucht Gründe, warum Menschen dorthin kommen – zum Wohnen und Arbeiten ebenso wie zum Treffen, Mitmachen, Diskutieren und gemeinsamen Gestalten. Baukultur ist deshalb weit mehr als eine Frage der Gestaltung. Sie ist ein wichtiger Bestandteil von Ortsentwicklung und sozialer Infrastruktur.
Dass Begegnung am besten nicht nur auf der Bühne stattfindet, zeigte sich auch nach dem offiziellen Programm. Bei Getränken und einem kleinen Imbiss nutzten viele Gäste die Gelegenheit, mit den Referenten ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und eigene Erfahrungen auszutauschen. Gerade dieser persönliche Austausch macht den besonderen Wert solcher Veranstaltungen aus: Gute Beispiele aus anderen Orten können Anregungen geben, neue Perspektiven eröffnen und manchmal auch den entscheidenden Impuls für eine eigene Idee liefern. Am Ende blieb deshalb eine ebenso einfache wie wichtige Erkenntnis: Nicht immer werden zuerst neue Räume gebraucht. Viel häufiger lohnt sich der Blick auf das, was bereits vorhanden ist – und auf die Menschen, die bereit sind, daraus gemeinsam einen lebendigen Ort zu machen.