Klein aber oho: Weinanbau in Belgien und den Niederlanden

Die Kultur- und Weinbotschafter Mosel vor dem Weingut Apostelhoeve bei Maastricht. Links Inhaber Mathieu Hulst. © Winfried Simon

Klein aber oho: Weinanbau in Belgien und den Niederlanden

Die Kultur- und Weinbotschafter Mosel schauen sich in den Nachbarländern um und bewundern den Erfolg der Winzerpioniere

Ein sanfter Hügel, er erstreckt sich über rund 200 Meter, ist mit Weinreben bepflanzt. Am Ende des Hügels erheben sich alte, geschichtsträchtige Gebäude eines ehemaligen kirchlichen Stifts. Man könnte fast meinen, man sei in der Toskana oder in Burgund. Aber der Weinberg befindet sich nicht im Süden, sondern in den Niederlanden, genauer gesagt in der Provinz Limburg, nur fünf Kilometer von der 125 000 Einwohner zählenden Touristenstadt Maastricht entfernt. Es ist der Louwberg auf dem der Apostelhoeve aus dem 15. Jahrhundert steht. Der Weinberg ist der älteste und größte Weinberg der Niederlande. Der älteste, das heißt, dort wird erst seit 1970 Weinreben angebaut.

Dabei wurde schon vor vielen Jahrhunderten in den Niederlanden Wein erzeugt. Erstmals belegt ist der Weinanbau für das Jahr 968 n. Chr., es wird aber vermutet, dass schon die Römer erfolgreich Wein auf dem Gebiet der heutigen Niederlande anbauten. Im Mittelalter konzentrierte sich der Weinbau hauptsächlich auf die weit südlich gelegene Region um Maastricht. Die Einführung des Bieres, das sich verschlechternde Klima im Zuge der Kleinen Eiszeit, die Reblaus sowie die Eroberung der Niederlande durch Napoleon machten den Weinbau praktisch zunichte.

Die Niederlande liegen auf dem 51. Breitengrad. Weinbau wird aber heutzutage im Allgemeinen zwischen dem 30. und 50. Breitengrad betrieben. Bedingt durch die Klimaveränderung ist es aber auch in den Niederlanden möglich, Reben bis zur Traubenreife anzubauen. Heute wachsen im Land der Tulpen und Fahrräder auf insgesamt 1300 Hektar Reben. Davon konnten sich 34 Kultur- und Weinbotschafter (KuWeiBos) Mosel kürzlich bei einer Fahrt in die beiden Nachbarländer überzeugen. Die KuWeiBos (ehemals Weinerlebnisbegleiter) werden seit dem Jahr 2000 in einem Zertifikatslehrgang von der IHK Trier ausgebildet und verfügen so über umfangreiche Kenntnisse, insbesondere in den Bereichen Weinbau, Weinbereitung, Geschichte, Kunst und Geologie. Seit 2001 haben sich die KuWeiBos zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, die zur Zeit über 100 Mitglieder verfügt.

Die Kuweibos waren beeindruckt, wie professionell und qualitätsorientiert das Weingut Apolstelhoeve arbeitet. Das Weingut umfasst derzeit 20 Hektar, auf denen sieben verschiedene Rebsorten angebaut werden: Müller-Thurgau, Auxerrois, Riesling, Pinot Gris und ab 2020 auch Viognier, Chardonnay und Pinot Noir. Aus diesen Rebsorten werden sieben trockene Weißweine erzeugt: Müller-Thurgau, Auxerrois, Apostelhoeve Cuvée XII, Riesling, Grauburgunder, Grauburgunder Barriques und Viognier. Darüber hinaus stellt Apostelhoeve auch zwei Schaumweine her: den Riesling Brut und den Apostelhoeve Cuvée XII Brut.

Bei einer Weinverkostung waren die Weinkenner von der Mosel einhellig der Meinung: Die Qualität stimmt. Und auch die Preise, von denen die meisten Moselwinzer nur träumen können. Unter 15 Euro pro 0,75-Literflasche findet man keinen Wein auf der Preisliste. Und es kommt noch besser: Alle Weine des sind bereits ausverkauft. Bis zur Füllung des 2025ers müssen die Kunden noch einige Monate warten. Ein Jahrgang übrigens, der den Winzern in Belgien und den Niederlanden viel Freude macht. Während an der Mosel Mitte September dieses Jahres in wenigen Tagen bis zu 100 Liter Regen niedergingen und sich Fäulnis ausbreitete, war es dort vergleichsweise trocken.

Was ist das Geheimnis des Erfolges? Die Weine werden in erster Linie über die gehobene Gastronomie in den Niederlanden und Belgien abgesetzt. Allein in Maastricht gibt es ein Dutzend Spitzenrestaurants, die allesamt Apostelhoeve-Weine auf der Karte gelistet haben. Sogar ein Spitzenrestaurant in Italien hat die niederländischen Weine geordert.

Weine aus den Niederlanden sind eine Rarität. Das Besondere, das Seltene ist für viele Verbraucher immer interessant. Aber das allein genügt nicht, die Weine sind auch qualitativ hochwertig. Die Hektarerträge sind sehr gering, die Kellertechnik hochmodern und der Inhaber Mathieu Hulst ist ein absoluter Fachmann – nicht nur im Weinberg und im Keller, auch in der Vermarktung. Zusammen mit seiner Frau Julka bietet er auch Führungen im Weinberg und Keller an. Anschließend können die Weine in gemütlichen Verkostungsräumen probiert werden. Unterstützt wird das Ehepaar bereits von zwei erwachsenen Söhnen.

Der Vater von Mathieu Hulst, Hugo Hulst, war Obstbauer. 1970 hatte er beschlossen, einen Weinberg anzulegen. Die erste Ernte im Jahr 1973 erbrachte 1400 Flaschen Wein. Heute werden auf Apostelhoeve jedes Jahr mehr als 180000 Flaschen Wein produziert. Der Boden des Louwbergs besteht aus Kies und Mergel mit einer darüber liegenden Lößschicht, der sich gut für den Weinanbau eignet. Mathieu Hulst will in den kommenden Jahre die Rebfläche seines Weingutes auf 30 Hektar erweitern. In einer Halle steht eine Traubenvollernter, der in allen Weinbergen eingesetzt werden kann.

Nur 15 Kilometer vom Apostelhove entfernt, direkt hinter der Grenze, befindet sich das Wijnkasteel Genoels-Elderern in Riemst. Auch in Belgien wird neuerdings Wein angebaut. Und auch das Wijnkasteel ist ein Vorzeigebetrieb. Allein schon das prächtige Schloss erinnert an ein Chateau in Bordeaux. In Belgien gibt es auf rund 700 Hektar etwa 250 Winzer, ungefähr 170 davon im Nebenerwerb.

1991 erwarb Jaap van Rennes das Anwesen und legte einen neuen Weinberg an, der mit 22 Hektar heute zu den größten Belgiens zählt. Das Wijnkasteel Genoels-Elderen vermarktet ähnlich wie das niederländische Gut Apostelhoeve den größten Teil seiner Weine über die gehobene Gastronomie und den Weinfachhandel. Kunden sind unter anderem Luxusrestaurants in Belgien und gut betuchte Privatkunden.
Das Anwesen war bereits in früheren Jahrhunderten schon einmal ein Weingut. Zu Napoleon Bonapartes Zeiten standen hier 20 Hektar Reben. Doch um 1800 kam es zu einem Ende: Napoleon verbot den Weinbau außerhalb Frankreichs. Unter dem Gemäuer finden sich mehrere Keller. Rund um das Weinschloss der Familie Van Rennes ist die römische Vergangenheit nie weit entfernt. In kurzer Entfernung verläuft die Römerstraße von der ältesten Stadt Belgiens, Tongeren, nach Maastricht.

Das heutige Wijnkasteel hatte die Familie van Rennes 1991 als Alterssitz gekauft. Heute führt Tochter Joyce Kékkö-van Rennes das Gut. Das Weingut konzentriert sich auf zwei Rebsorten: Chardonnay und Pinot Noir (Spätburgunder). Der Spätburgunder wird fast ausschließlich als Rosé-Sekt ausgebaut. Alle Weine tragen dezente Etiketten mit klaren, aussagekräftigen Namen wie Weiß, Blau, Gold (Chardonnay) und Rot (Pinot Noir). Ergänzt wird das Etikett durch den Namen des Weinbergs, aus dem die Trauben stammen.

Die Wein- und Kulturbotschafter verkosten im Probierraum des Weingutes unter anderem einen Chardonnay Blau, (Listenpreis: 20,50 Euro) und einen Chardonnay-Sekt , genannt Silver Pearl Brut, (33,90 Euro). Fazit: Die Qualität ist sehr gut, die Preise sehr hoch.

Das dritte Weingut, das die KuWeiBos während ihrer Weinlehr- und Erlebnisfahrt besuchten, ist das Weingut Vinadis in Dison/Belgien in der Nähe von Vervier.

Der Fünf-Hektar-Betrieb erzeugt im Schnitt rund 20000 Flaschen. Angebaut werden vornehmlich Pinot Noir, Pinot Gris, Acolon und Auxerrois, die in Stahltanks, teilweise aber er auch in Barrique-Fässern ausgebaut werden. Der Sekt-brut ist ein Cuvé – ähnlich wie Champagner – aus Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay. Ordern kann man neben Wein-Verkostungspaketen auch Pakete mit Wein und Schokolade und Wein und Käse. Gegründet hat das Weingut Chris Engels. Der ehemalige IT-Fachmann pflanzte 2019 ein halbes Hektar mit verschiedenen Rebsorten, um festzustellen, welche auf dem lehmig-steinigen Boden an einem Südhang am besten geeignet sind.

Er sei immer schon immer ein großer Weinfreud gewesen, sagt Engels. Ihm zugute kommt sein früheres Studium der Landwirtschaft. Aber er besuchte auch zahlreiche Weinbau- und Kellertechnikkurse, um sich genügend Wissen anzueignen. Heute umfasst das Weingut fünf Hektar. Bislang gibt es weder in den Niederlanden noch in Belgien ein Weingesetz wie nach deutschem oder französischem Vorbild. Man hat aber AOC-Weinbauregionen ( Appellation d’Origine Contrôlée) ausgewiesen, so dass alle dort erzeugten Weine diese Bezeichnung tragen dürfen.

Während man in Europa wegen der Weinüberproduktion versucht, die Rebflächen zu reduzieren, können in Belgien und den Niederlanden alle geeigneten Flächen mit Reben bepflanzt werden. Und das sind viele. Es ist damit zu rechnen, dass in beiden Ländern in Zukunft deutlich mehr Weinberge entstehen.

 

Reihe 1 v.l.n.r: Mathieu Hulst im Weinkeller, Barrique-Fässer im belgischen Weingut Wijnkasteel Genoels-Elderen, Ein prächtiges Anwesen: das Wijnkasteel Genoels-Elderen.

Reihe 2 v.l.n.r: Weinberge des Wijnkasteels., Im Hintergrund die Kirche von Riemst/Belgien, Stolze Preise: Dieser Chardonnay kostet 20,50 Euro, Chris Engel, Weingut Vinadis in Dison/Belgien, erläutert, wie er zum Winzer wurde.



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